Systemgebilde von Mensch & Material

Die interaktive Zusammenspiel von Mensch & Bike erfordert einen hohen Anpassungsgrad, damit Fahrbefehle reibungsfrei, exakt und unvermittelt umgesetzt werden. Angefangen von den Koordinationsbefehlen zu den Muskeln finden diese ihre Fortsetzung zu den Kontaktpunkten des MTB, um mit gebotener Körperspannung dem fragilen Mensch – Gerätschaftsgebilde Stabilität einzuhauchen. Alle Steuerbefehle beziehen dabei mechanische und physikalische Wirkweisen des MTB wie ein verlängerter Arm des Fahrers in den komplexen Beurteilungsprozess mit ein. Die praktische Befehlsausführung pflanzt sich via Mechanik von Bremsen, Rahmen, Federgabel, Dämpfer sowie Lenker, Sattel, Pedale in die Laufräder bis zur Reifenaufstandsfläche fort, wo sich Reibungskräfte (Grip) aufbauen. Der Informationsfluss nach dem Sender- und Empfängerprinzip funktioniert nicht nur One Way. Einerseits werden Schwerpunktverlagerungen und Schwingungen ins Fahrwerk übertragen, anderseits empfängt der Fahrer fortlaufend Informationen über den augenblicklichen Fahrzustand. Das fließende Feedback erlaubt einen fortwährenden Abgleich zwischen der gegenwärtigen (Ist – Zustand) und der erwünschten Fahrsituation (Soll – Zustand). Je schneller der komplex vernetzte Bewegungsablauf funktioniert, desto intensiver vollzieht sich im Geiste die entfesselte dialogische Dauerreflexion. Im Zeitraffer entpuppt sich der Prozess als situatives Bewerten und Handeln. Analog zum „Datenoutput“ vom Gehirn zu den Muskeln, liefern laufende Rückmeldungen wiederum Dateninput an die Sensorik. Alles in allem funktioniert der Datenaustausch über diesen Zwei-Kreis-Infokanal rasend schnell. Informationen strahlen über Berührungszonen (Systemverbindung) Pedale / Fußsohle, Lenker / Hände und Finger, Gesäß /  Sattel mitten in den Körper hinein. Während wir uns am Handballen abstützen und Daumen im Untergriff die Lenkergriffe fest umklammern und Beine wie Arme und Po Pedal- Sattel- und Lenkerstöße abfedern liegen die Zeige- und ggf. Mittelfinger verzögerungsbereit am Bremshebel. Jede körperliche Kontaktfläche mit dem Bike spürt die Schwungmaße des rotierenden Vorder- und Hinterrades auf und befeuert das neuronale Zentrum mit aktuellen Fakten. Nach erfolgter Informationsverarbeitung veranlasst das neuronale Steuerzentrum mittels abgespeicherter Handlungszenarien muskuläre Befehlsempfänger die Umsetzung einzuleiten. Besteht  z.B. „Gefahr in Verzug“ vollziehen sich die Entscheidungsprozesse im Millisekundenbereich.

Manövrieren, Anbremsen, Einlenken, Beschleunigen, Balancieren, Springen, Ausweichen - je nach Automatisierungsgrad läuft alles mehr oder weniger schnell und korrekt ab. Was jederzeit konkret zu tun ist hängt davon ab, welcher Körperinput durch das Rückenmark (z.B. Vagusnerv) sowie der Blutbahn ins Gehirn (Hirnstamm) übertragen wird. Nerven- und neurochemische Impulse rufen die Kontraktion von Muskelfasern hervor. Die Befehlsübertragungswege fungieren als Nahtstelle zwischen Steuerungszentrum und den „ausführenden“ Muskelpartien. In der Tat eine faszinierende Interaktion von Körper, Kopf und Material, die quasi backstage megaschnell abläuft. Sensoren registrieren im Millisekundentakt Lenkwinkel, Querbeschleunigung, Schräglage, Bremsdosierung, Gripverhalten u.v.m. Parallel dazu spürt konzentriertes Bodenbeschaffenheits-Screening Streckenverlauf, Hindernisse und Schlüsselstellen sowie potentielle Gefahren sensorisch auf. Der „Popometer“ führt dem Biker ununterbrochen die aktuelle Gefährdungslage vor Augen. Inwieweit die Dinge im grünen Bereich laufen, teilt der Gefühlsseismograph verlässlich mit. Ein flaues Gefühl in der Magengrube (Schutzmechanismus) vermittelt die unmissverständliche Botschaft, Vorsicht walten zu lassen (Sendeantenne). Besonders der ominöse "sechste Sinn“ spielt eine wichtige Rolle, welcher instinktiv der präventiven Gefahrenabwehr dient. Routiniers sind in der Lage, scheinbar noch nicht erkennbare Ereignisse vorauszuahnen (hören das Gras wachsen). Trotz spärlicher Gefahrenhinweise registriert das Unterbewusstsein subtile Vorgänge und setzt vorsorglich eine gefühlsmäßige „Warnmeldung“ ab, die die Reaktionszeit (Reflex) verkürzt. Auslösereize (Signale) wie Neigungswinkel, Reifenhaftung, Anfahrgeschwindigkeit, Bremsweg, Scheitelpunkt, Kurvenradien usw. werden unter Einfluss von Rückkoppelungseffekten in augenblickliche Handlungsoptionen umgemünzt. Da mehrere Aufgaben (Tasks) nahezu gleichzeitig ausgeführt werden (Multitasking) ist Ablenkung tabu. Genau genommen erweckt das Neuronenfeuerwerk nur deshalb den Eindruck der Gleichzeitigkeit, weil sich die Vorgänge im Millisekundenbereich abspielen. Schaltkreise konstruieren mit Hilfe sensorischer Inputdaten in den Gehirnarealen Bewegungskoordinationen (Muskelkontraktionen). Der Clou neuronaler Aktivität ist, dass Handlungsabläufe mit einem Selbstverständnis frei jeder Bewusstmachung geschehen. Verbunden mit dem Vorteil, dass verselbständigte Automatismen den Kopf freischaufeln, was ressourcenökonomisch die Verarbeitungskapazität erhöht.