Dem Flow auf der Spur
Der Flow
Der Flow stellt ein außergewöhnliches Ereignis für unseren Organismus dar, der jedoch willentlich nicht planbar ist. Mancher Biker nennt das Kind beim Namen und beschreibt den Flow als perfekten Moment im Leben – vergleichbar mit dem sexuellen Höhepunkt. Harmonieren Kopf und Körper synergetisch, entfalten sich „ungeahnte“ Energien, indem sich kombinierte Wirkungen potenzieren und zu Höchstleistungen befähigen. Schnalzt es wie am Schnürchen und geschieht alles wie von selbst, fährt man sich mitunter unbemerkt in einen Konzentrationstrichter hinein. Geschehen die Vorgänge alles in allem höllisch schnell, feinfühlig und bewusstseinsfern wird das reibungslose Zusammenspiel der Sinnesorgane (Augen / Nervensystem) mit der Skelettmuskulatur (Koordination) ersichtlich. Ein Reizzustand – sprich Nährboden - bei dem der Flow wie eine Glücksfee um jeder Ecke lauert. Im Gleichklang von Konzentrationsleistung und Glückshormonausschüttung begünstigt der Ausnahmezustand einen Flow, der einer Vervollkommnung des Handelns nahe kommt, was wiederum uns selbst vervollkommnt. Selbstredend wird ökonomisch nur das getan was unbedingt erforderlich ist. Bei der Steuerung rasanter Handlungsabfolgen gibt es kein kopflastiges Agieren. Es fehlt schlicht die Zeit, dass die analytisch denkende Instanz des Großhirns durch misstrauische Überwachungsfunktion den Handlungsfluss lähmt. Viele Köche verderben den Brei – das gilt auch für das Funktionsprinzip unseres Gehirns. Nur wer seinem Fähigkeitspotential sowie der Materialtechnik vertraut kann Sinnesleistung und Muskelkoordination in Bruchteilen von Sekunden abrufen und adhoc umsetzen. Dieses Vertrauen verselbstständigt nach und nach die Bewegungsmotorik. Konzentrierte Fahrakrobatik drängt bewusstes Denken soweit in den Hintergrund und verengt die Weitwinkelperspektive zum Tunnelblick bis als alleiniger Entscheidungsträger das intuitive Bauchgefühl lenkt. Bewegungen werden zunehmend flüssiger, lockerer, homogener und damit kraftsparender bis der rhythmische Automatismus das Zepter vollends übernimmt. Die Umwelt schrumpft zusammen bzw. wird gänzlich ausgeblendet - fokussiert wird nur das Elementare. Ist der Flowfunke übergesprungen, flutschten erforderliche Bewegungsabläufe fortan in einer absoluten Perfektion. Der Mensch funktioniert mit seinem Material als Systemeinheit. Dass uns beim hochkonzentrierten Biken der „Bauchmensch” unbefangen den Weg weist und wir primär der Intuition und nicht dem Verstand folgen ist schwer vorstellbar. Es mag nach Hokus Pokus anmuten, wenn wir selbstvergessen pfeilschnelle, verwinkelte Trails hinabstürzen und wie magnetisiert der Fahrspur folgen – ist es aber nicht. Während der Flowphase agiert man mit schlafwandlerischer Sicherheit - kein esoterischer Schnickschnack sondern wissenschaftlich belegt. Sobald die Ratio von der Einflussnahme in die Prozesssteuerung ausgeblendet ist, schaltet und waltet der „mystische Autopilot“ autark. Gemeint ist das magische Unterbewusstsein, dem die unmittelbare Handlungsvollmacht obliegt und als geheimnisumwobene Black Box Programmbefehle registriert, speichert und programmiert. Ungefragt übernimmt es eigenmächtig die Deutungshoheit.
Ähnlich der automatischen Steuerungsanlage moderner
Passagierflugzeuge, die den Pilot zum passiven Passagier „degradiert“, schaltet
das Gehirn unwillkürlich in den Automationsmodus. Ohne einen blassen Schimmer
von der neuronalen Arbeitsteilung zu haben, steuert der unterbewusste Geist instinktiv
wie ein amorphes Wesen im Blindflug frei jeglicher Ich – Wahrnehmung durch Raum
& Zeit. Das hat seinen guten Grund denn alles, was unterhalb der
Wahrnehmungsschwelle geschieht, entlastet die limitierte Informationskapazität. Mit der Folge, dass komplexe
Aufgabengebilde wesentlich präziser und schneller gelöst, Ermüdungserscheinungen
hinausgezögert und – man höre und staune – obendrein sogar der Energieverbrauch
gesenkt wird. Demnach ist es unerheblich, ob wir vom Stabwechsel Wind bekommen.
Was zählt ist, dass mental wie körperlich unterm Strich maximierte Leistungsfähigkeit
zu Buche schlagen, um sorglos über Stock & Stein zu donnern. Befreites
Agieren und die Energien fließen lassen – sofern man sein Metier beherrscht
klappt es prima. Dank Autopilotfunktion gehen routinierte Fahrmanöver völlig
mechanisch mit der Präzision eines Uhrwerks locker von der Hand. Flow -
Ambitionen sind vom starken Willen geprägt. Entscheidend ist die Fokussierung,
mit der die Aufmerksamkeit wie ein Brennglas sich punktgenau auf Relevantes
ausrichtet, und Nebensächliches vollständig ausblendet. Schließlich soll
investierte Kraft nicht nutzlos verpuffen. Dies setzt gesundes Selbstvertrauen
voraus, das einströmende Reize filtert und Impulse effizient reguliert. Bestes
Beispiel sind Cracks, die beruhigt ihren Fähigkeiten vertrauen, was in heiklen
Situationen ein Plus an Souveränität und Lockerheit bringt. Doch jeder
„Höhenflug“ hat sein Ende. So unerwartet eine Flowphase einsetzt, so schnell
verflüchtigt sie sich wieder im „Kosmos“. Kaum ist der Touch Down in die
Bewusstseinsebene vollzogen, überschwemmt uns jene ekstatische Gefühlswelt, der
wir immerfort so inbrünstig hinterher hecheln. Die emotionale Belohnung für
fehlerfreies Agieren in Raum und Zeit bekommt man auf dem Silbertablett
serviert. Ein ganzheitlicher, überwältigender, berauschender Glücksmoment des
totalen Einsseins mit sich und der Welt – quasi die perfekte Welle. Ein
wundersamer Hochgenuss, zu dessen Grundvoraussetzung Hingabe, Loslassen-Können
sowie Ehrgeiz zählt – und zwar völlig unabhängig der Aktion, die in den Flow
mündet. Leider hält der temporäre Glückszustand nur kurze Zeit an. Ansonsten
würde das selbstzerstörerische „Flashover“ den Körper bei anhaltender
Hormonschwemme ruinieren. Zurück bleibt die tief verankerte Erinnerung an ein
kurzzeitiges Epizentrum des Glücks – während Details durch
Bewusstseinsabstinenz unzugänglich bleiben. Deshalb erscheint uns im Nachhinein
das intensive Gefühlserlebnis derart irreal und wird wie eine Art
Fremdbestimmung begriffen.
Der englische Begriff „Flow“ bedeutet so viel wie fließen/strömen,
und beschreibt ein tief empfundenes Glücksgefühl, das sich beim <völligen
Aufgehen> einer Tätigkeit einstellen kann. Der Begriff wurde vom
amerikanischen Psychologen Mihály Csíkszentmihályi in den 70er Jahren geprägt,
der in seinen Werken Bewusstseinsformen detailliert beschreibt. Der
weltbekannte Autor, Psychologe und Philosoph verschrieb sein Lebenswerk der
Erforschung des Flow-Phänomens. Ihm zufolge bedeutet Flow zu erleben, sich
völlig im Einklang mit der ausgeübten Tätigkeit zu fühlen.
Unabhängig der Tätigkeit oder Situation: Flow ist grundsätzlich durch perfekte Kommunikation von Geist und Körper gekennzeichnet, d. h. Psyche und Körper sind gleichermaßen intensiv beansprucht. Bezogen auf den MTB-Sport findet dieser „Ausnahmezustand“ im reibungs- und mühelosen Bewegungsstakkato seinen wundersam ästhetischen Ausdruck. Einzelne Handlungssequenzen fließen ineinander über und gehen in einem virtuosen rhythmischen Bewegungsfluss als harmonische Gesamtkomposition auf. Doch bevor es soweit kommt, muss man sich seiner Sache sicher sein und auf sein Bauchgefühl hören – letztlich eben die Frage des Selbstvertrauens.
Auf den Punkt gebracht: leidenschaftlich angehauchte Mountainbiker sind gern auf der Suche nach dem perfekten Moment. Eigentlich logisch, denn intensive Augenblicke hauchen dem Leben Kick’s ein, von denen man lange zehrt.
Dopaminausschüttungen kodieren positive Reize und erzeugen dauerhaftes Verlangen, was dem viel zitierten Suchtbazillus sperrangelweit Tür und Tor öffnet. Trotz aller körperlichen Qualen oder sonstigen Widrigkeiten spricht breites Revolverheld – Grinsen nach dem Synapsenfeuer Bände über die momentane Befindlichkeit. Zeugnis unbändiger Glücksmomente, die fahrtechnischen Erlebnishäppchen schnurstracks auf den Fuß folgen.
Neurowissenschaftliche Befunde belegen, dass emotionale Betroffenheit die Amygdala (Mandelkern) aktiviert, was Gedächtnisinhalte nachhaltig verfestigt. Doch Vorsicht (nach dem Flow-Cut): Dopamin fördert die Risikobereitschaft da es dazu beiträgt, gefährliche Situationen lustvoll zu erleben. Kein Wunder bei so viel Stimulanz, wenn Freizeitaktivisten um ihrer selbst Willen dem Flow nachgieren. Extremes Glücksgefühl beruht auf der Intensität erlebter Empfindungen etwas zu beherrschen, das nicht alltäglich ist. Flow bietet definitiv einer der seltenen Momente im Leben, wo man selbstvergessen mit sich und der Welt im Einklang steht. Deshalb stehen sich Glück und Flow zweifellos sehr nahe und drückt infolgedessen Sinnhaftigkeit aus. Der Vergleich mit der Sexualität ist so verwegen nicht, denn außergewöhnliche Momente überschwemmen Geist & Körper mit Glücksgefühlen pur.
Passend dazu der Refrain - Songtext <Wir Leben Den Moment> den Christiane Stürmer für Flow – Aspiranten geschrieben zu haben scheint:
Wir leben den Moment
mitten drin im Leben
und die Endorphine spiel'n verrückt.
Das mitten im Moment
dafür alles geben,
uns hält nichts mehr zurück
