Klaviatur der Emotionen

„Zweirad–Dompteuren“ wird ein Hang zum Masochismus nachgesagt. In demselben Maß wie derbe Vibrationen die Arm-, Oberkörper- sowie Beinmuskulatur bei brachialen Fahrmanövern fordern, rüttelt es gleichsam Emotionen wach. Nur wenn der Puls rast, die Schläfen hämmern, der Motor auf Hochtouren läuft und sich beim Husarenritt die Profilstollen mit dem Untergrund verzahnen, fühlt sich der Pilot in seinem Element. Getreu dem Quid-pro- quo–Prinzip – „Ohne Fleiß kein Preis“ – wollen Glücksgefühle redlich verdient sein. Im Dreiklang von Schmerz, Schweiß und Selbstüberwindung wird der Kampf und die Schinderei gegen – nein besser mit den Naturelementen - nicht als unvermeidbares Übel sondern als das Salz in der Suppe empfunden. Keuch, schwitz,  zitter, frier – saisonbedingt der ganz normale "Wahnsinn" sprich Biker-Alltag. Auch wenn die Lunge brennt, das Herz rast, die Muskeln glühen und die Schweißperlen von der Stirn tropfen und mit einer ordentlichen Schlammpackung beschwert - dem Spaß tut dies alles keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil, brennende Oberschenkel und schmerzende Unterarme beweisen nur, dass man sich die Kante gegeben hat und den inneren Schweinehund mit eiserner Moral besänftigte: husch husch mein Freund – ab ins Körbchen!

Immer mehr Steuerkünstler verfeinern zielstrebig ihre Fahrtechnik und automatisieren ihre Bewegungsmotorik, meistern Herausforderungen, bauen Blockaden ab und versuchen ihre schluckfreudigen, spurtreuen Fahrwerke an die Grenzen zu bringen, um Meister des Geländes zu sein. Scharfkantiges Felsgestein, holprige Wurzelteppiche, tiefe Schlammlöcher, tückische Regenrinnen, Bodenwellen, fiese Querrinnen, hundsgemeine Längswurzeln – Augen auf und genussvoll drüber – das ist es, was Endorphine tanzen und die Schmerzempfindlichkeit sinken lässt. Je deftiger Steine, Wurzeln, Äste, Absätze, Rinnen, Schlaglochbatterien, Baumstämme etc. den Weg pflastern desto spaßiger lässt sich über den Natur-Zierrat mit kindlichem Eifer drüberholzen oder locker flockige Drops / Bunny-Hops setzen. Je galanter die Fahrmanöver von der Hand gehen, desto mehr bauchpinselt es das Ego bzw. setzt imponierende Duftmarken im Freundeskreis. Obschon Hindernisse das Erreichen eines Ziels generell erschweren und der Begriff im üblichen Sprachgebrauch eher negativ besetzt ist, verhält es sich in diesem Metier also genau umgekehrt. Im Grunde sind fast alle Hindernis-Elemente die die Natur den Geländefetischisten in den Weg legt, des Mountainbikers liebstes Kind. 

Breiter Forstweg oder schmale Singletrail - Rinne – hin oder her, alles eine Frage des Geschmacks. Cruisen die einen genussvoll durch die Naturlandschaft oder pflügen in „Highspeed-Manier durch fast undurchdringliche Botanik, geht es anderen im Kern darum, scheinbar Unkalkulierbares unter Kontrolle zu bringen und Machbarkeitgrenzen auszudehnen.

Der Lernprozess spielt sich zwischen Herausforderung, Bewältigung und Können ab. Je ausgefeilter die Fahrtechnik, desto seltener heißt es „Ende Gelände“. Fahrbar – bedingt fahrbar – unfahrbar, notfalls wird geschoben oder das Bike Huckepack geschultert – und weiter geht’s auf Schusters Rappen. Dafür entschädigen meist atemberaubende Ausblicke für die Plackerei längerer Anstiege. Nicht zu vergessen, dass frischer Waldgeruch übers Riechorgan zusätzlich Emotionen schürt und der Vernunftebene doppelten Laufpass gibt. Jeden überwundenen Anstieg registriert die Psyche ganz penibel als "Etappensieg". So gesehen haben berüchtigte Wadlbeißer auch ihr Gutes. Sobald zauberhaftes Gipfelpanorama im Super–Weitwinkelformat das Bikerherz aufzoomt verwandelt sich die von Sauerstoffmangel herunterhängende Kinnlade jäh zum strahlenden Smiley–Face. Ganz zu schweigen davon, dass schweißtreibenden Uphills rassige Abfahrten als klassische Freudenspender folgen. Ein Traktionsbündnis mit dem Untergrund eingehen, den (handtuchschmalen) Pfad gekonnt hinabtänzeln und fahrtechnische Grenzen ausloten, währenddessen alles andere neuronal ausgeknipst wird – das haut doch jeden Gefühlsseismographen nach oben. Wie bemerkte Reinhold Messner vielsagend: „Der Gipfel ist nur ein Wendepunkt“.

Investierte Kraft und Energie zahlt sich a la Payback–Karte für den Organismus aus, da der Körper Kalorien verbrennt, das Immunsystem stärkt und vor allem die „Psychobatterien“  auflädt. Auch wenn man – oder gerade deshalb – mit dreckverschmiertem Gesicht, von Ästen, Dornen und Buschwerk zerschundene Schienbeine verschwitzt von einer Schlammschlacht wie ein müder Krieger zurückkehrt – funkelnde Augen und strahlender Gesichtsausdruck signalisieren pure Freude.


Wie auch immer, wem die Milchsäure in die Beine schoss, Lungenstechen und brennender Augenschweiß ertrug und zermarternde Sinnkrisen durchlebte, fühlt sich zwar nach der Tour fix und foxi - aber glücklich. Welche Erkenntnis ziehen wir daraus? Dass ein zermürbter Körper  und Glückseligkeit überhaupt nicht im Widerspruch stehen. Und das erfreulichste an der Geschichte? Diese Gunst ist keine Eintagsfliege, sondern Mountainbiker (genauso wie ambitionierte Rennradler) erleben sie Tour um Tour immer wieder von neuem mit derselben Intensität.