• 3. »Zweiradcenter Stadler MTB-Cup« • 21.07.2024
    © Dreiländerbike
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Kopfkino - Der innere Schweinehund

Es ist schon sehr seltsam: jeder Mensch kennt und fürchtet ihn, aber keiner hat ihn jemals zu Gesicht bekommen. Die Rede ist vom inneren Schweinehund der uns heuchlerisch und verführerisch vorgaukelt, wie alternativlos die kuschlige Komfortzone ist und uns auch noch einreden will jeglichen Widerständen bzw. Unannehmlichkeiten tunlichst aus dem Weg zu gehen. 

Die fantasievolle Fotomontage gibt dem inneren Schweinehund zur Beschreibung des Sachverhalts metaphorisch ein Gesicht.

Schweinehund war im 19. Jahrhundert als Schimpfwort bekannt und bezog sich auf den zur Wildschwein-Jagd eingesetzten Sauhund zurück. Dessen Aufgaben wie Hetzen, Ermüden, Stellen und Festhalten wurden damals auf die Charaktereigenschaften bissiger (aggesiver) Menschen übertragen. Den Schweinehund zu besiegen galt früher als eine soldatische Tugend. Doch der Ausdruck "den inneren Schweinehund zu überwinden" hat sich mittlerweile aus dem militärischen Kontext gelöst. Heute wird der Begriff innerer Schweinehund verwendet, weil Menschen gern den bequemeren Weg des geringeren Widerstandes beschreiten. Sich selbst zu überwinden erfordert eine körperliche und geistige Anstrengung (Selbstdisziplin), woran sich oft die Geister scheiden. 

Im heutigen Sprachgebrauch verortet man den inneren Schweinehund im abgewandelten Sinn eher dort, wo er sich bewegungsfaul und antriebslos auf dem Sofa fläzt, vor der Flimmerkiste genüsslich Chips und Snacks knabbert und jedwede Anstrengung wie der Teufel das Weihwasser scheut. Mit anderen Worten: der innere Schweinehund steht als Sinnbild für Willensschwäche, was ihn per se zum Erzfeind der Sportler macht.

Ausgerechnet dann, wenn man unentschlossen mit sich hadert bzw. sich in einem Motivationsloch befindet funkt der ungebetene Zeitgenosse liebend gern dazwischen und versucht uns jedwede körperliche Anstrengung madig, sprich abspenstig zu machen. Dass der Widersacher augenscheinlich dann in Erscheinung tritt und "manipulativ" ins Bewusstsein durchdringt, wenn der Tatendrang zu wünschen übrig lässt, Nerven blank liegen oder sich schlicht und ergreifend verausgabt hat, ist beileibe kein Zufall. Speziell angeschlagene Fahrer werden von dem "Schreckgespenst" ohne Vorwarnung hinterrücks angefallen und mit bedrückenden Gedanken (Kopfkino) bombadiert, bis sich das (Ver-) Zweifeln zu einer Sinnkrise hochschaukelt die das eigene Handeln ernsthaft in Frage stellt. Geht's hart auf hart, kann die ausgelöste Demotivation und Frustration sich bis zur Selbstaufgabe zuspitzen. Quasi ein neurologischer Drahtseilakt mit ungewissem Ausgang. Im alles entscheidenden Schlüsselmoment stellt sich die Frage, wer wen im Griff hat. Steht die Challenge Spitz auf Knopf, ficht der mentale Zwist einen Zweikampf aus, an deren Ende entweder der unbeugsame Wille oder die Willensschwäche Oberwasser bekommt. In grenzwertigen Situationen fällt binnen Sekunden die Entscheidung, ob die Herausforderung bewältigt wird oder nicht. 

Doch wie heißt es so schön, die Hoffnung stirbt zuletzt, d.h. der Ober sticht den Unter. Zu guter Letzt vermag der unerschütterliche Glaube an sich selbst (Selbstvertrauen) das Blatt zum Guten zu wenden. Wer Motivationstricks auf Lager hat verfügt ein Ass im Ärmel, mit dem der innere Schweinehund bezwungen werden kann. Zielstrebige Entschlossenheit, Selbstdisziplin, Durchhaltewillen und der unnachgiebige Glaube an die eigenen Fähigkeiten vermögen ein klägliches Scheitern - nämlich in schwierigen Situationen vorschnell aufzugeben - abzuwenden. Bildlich gesprochen wird damit der aufmüpfige "Geselle" (der "böse" innere Schweinehund) zum zahnlosen Papiertiger degradiert, der sich sang und klanglos ins Körbchen trollt.

Abgesehen von der körperlichen Belastung spielt der Kopf - sprich mentale Stärke - vornehmlich im Ausdauersport eine ausschlaggebende Rolle. Die Redewendung, dass der Glaube Berge versetzen kann, hat für Radfahrer wie für Mountainbiker von jeher eine entscheidende Bedeutungshoheit. Das "Berge versetzen" steht metaphorisch für eine extreme Herausforderung und besagt, dass alles gelingen kann, wenn man nur fest genug daran glaubt. Um ein sportlich gesetztes Ziel am Leistungslimit und am Rand der Leidensfähigkeit zu erreichen, bedarf es unerschütterlicher Kampfmoral. Hängt ein erfolgreiches Finish am seidenen Faden, vermögen Durchhaltekraft, Zähigkeit, Entschlossenheit und Zielstrebigkeit den Kampf gegen den inneren Schweinehund aufnehmen. Fähigkeiten, die uns auch bei Schwächephasen nicht die Flinte ins Korn werfen lassen, sondern die innere Stimme befiehlt unbeirrt und kompromisslos durchzuhalten. Nur wer sich kampflos in sein Schicksal begibt und sich damit abfindet hat verloren.

Aller Anstrengung zum Trotz, kann Kälte, Wind und Regen die Daumenschrauben noch schmerzvoller anziehen und sich ein "Husarenritt" als Prüfstein bzw. Gradmesser erweisen, der den inneren Schweinehund von der Leine lässt. Logisch, dass der Kopf auf "dumme" Gedanken kommt und hinterfrägt, was das Ganze eigentlich soll. Wird im entscheidenden Moment verbissen weitergekämpft und der Spruch "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg" beherzigt, der entschärft die Klinge des Damoklesschwerts und entgeht womöglich um Haaresbreite einer heraufkommenden Resignation/Kapitulation - sprich einer sportlichen Niederlage. Keine Frage: die Überwindung von Schwächephasen und Sinnkrisen erfordert pure Willenskraft. Zitat von Eddy Merckx: "Wer Siegen will muss leiden, nur wer leiden kann, kann auch siegen." Seien wir mal ehrlich und legen die Hand auf's Herz: Aufgeben war und ist für einen wahren Sportler noch nie eine Option gewesen. 

Entscheidend ist, die Zähne zusammen zu beißen bzw. die Pobacken zusammen zu kneifen, Augen zu und durch. Wobei wir sinnbildlich wieder bei der zentralen Antriebfeder sind - der eisernen Willenskraft. Bei fortschreitender Erschöpfung ist es normal, wenn eine geistige Zwiesprache mit Gott und der Welt einsetzt, währenddessen die Beine unter Vollast unerbittlich ihre Leistung erbringen zu haben. Man denke nur an das unvergessene Zwiegespräch des sympathischen Ex-Radprofis Jens Voigt (Gesamtbilanz nach 17 Profijahren 875 000 km, davon 57 000 Rennkilometer, 17 x Tour de France). Monsieur Courage - wie der draufgängerische Profi ehrfürchtig von den Franzosen genannt wurde - antwortete 2008 auf die Frage eines Journalisten wie er es immer schaffe sich in den Rennen so brutal zu quälen: "In den schweren Momenten sage ich mir selbst immer: Shut up legs! Do what I tell you." Salopp übersetzt: haltet die Klappe Beine, tut das was ich euch sage. Die Selbstmotivation ist zum geflügelten Wort bzw. zum Titel seiner Sportler-Biografie geworden und trifft uneingeschränkt den Nerv eines jeden Radsportlers.

Stellt sich abschließend die Gretchenfrage, warum man sich so etwas überhaupt aufbürdet? Dahinter steckt der Wunsch, eigene Grenzen auszutesten oder diese zu überschreiten, aus dem Alltag und langweiligen Gewohnheiten auszubrechen, sich einen langersehnten Traum zu erfüllen bzw. sich selbst zu beweisen was man zu Leisten imstande ist. Somit hält das Leben immer wieder neue spannende Aufgaben und Hürden bereit, die im Erfolgsfall eine (Selbst-) Wertschätzung verheißen. Es sind also weniger rationale als viel mehr emotionale Gründe die Breitensportler dazu antreibt ohne finanzielle Anreize, Ruhm und Ehre an körperliche Grenzen zu gehen.