Specialized Turbo Levo FSR Comp CE 6Fattie

Vieles von dem, was das Specialized Turbo Levo FSR Short Travel CE 29 auszeichnet trifft auch für den "dickeren" Bruder Turbo Levo FSR Comp CE 6Fattie zu, zumal im Rahmendreieck ebenfalls ein Brose-Aggregat werkelt und die Übersetzung (32 er Blatt/11-42 Kassette) dieselbe ist. Zu den markantesten Unterscheidungsmerkmalen zählen geänderte Rahmengeometrie, 27.5 Zoll Laufräder mit Reifen im Plus-Format, verbreiteter Boost-Standard (vorn 15x110 mm/hinten 148x12 mm) sowie das größere (140 mm) Federwegsvolumen.
Grip as much as possible
Das 27.5 Plus bereifte Turbo Levo FSR Comp CE 6Fattie begeistert mit fetten 3 Zoll Schlappen sowie 140 mm Federweg. In Verbindung mit einer angepassten Rahmen-Geometrie ergibt es eine ausgeprägtere Bergab-Performance, superbe Traktion und einen Fahrkomfort mit Luftkisseneffekt-Feeling. Der geringfügig höhere Rollwiderstand und 1 kg Mehrgewicht auf den Rippen gegenüber dem Twenty-Niner spielt dank Motorpower keine Rolle. In Sachen Handling hat das schmäler bereifte 29er die Nase einen Ticken vorn, doch was Traktion, Grip und Abfahrtsperformance anbelangt kann es dem 6Fattie nicht das Wasser reichen. Der Brummer gräbt sich vortriebseffizient seinen Weg, egal wie glitschig der Boden ist bzw. wie steil die Rampen sind. Fahreigenschaften hin oder her, wer die feinen Unterschiede herausfinden möchte welches Bike den individuellen Präferenzen am nähesten kommt, sollte beide Modelle Probefahren. Eine Testfahrt liefert aussagekräftige Erkenntnisse, die die graue Theorie pauschal nicht zu liefern vermag.

Das Turbo Levo FSR Comp CE 6Fattie zeichnet sich durch ein ausgesprochen gutmütiges Fahrverhalten aus, deren Plus-Bereifung Grip ohne Ende bietet. Umso schmieriger der Untergrund desto eindrucksvoller entfalten die anschmiegsamen Walzen des Purgatory- und Ground Control ihre Fahreigenschaften. Selbst ein schlingender Eiertanz macht tierisch Spaß, weil die Beherrschbarkeit weit über das gewohnt Maß hinausgeht. Die Aufstandsfläche der voluminösen Reifen sorgt für einen sagenhaften Dämpfungseffekt der Unebenheiten glatt bügelt, bevor das Losbrechmoment die Federgabel/Dämpfer reagieren lässt. Verblockte Passagen oder gröberes Wurzelwerk werden butterweich abgepuffert.

Die Bodenbeschaffenheit ist beim 6Fattie aber auch deshalb zweitrangig, weil es sich schubkraftbeschleunigt vom Brose Motor wie ein Bulldozer durchs Dickicht wühlt. Selbst 30 % - Stiche sind trotz nassem Herbstlaub und schmierseifigem Untergrund bei gleichmäßiger Kraftentfaltung bezwingbar. Damit steht fest: nicht die systemische Maximalleistung sondern die Traktion des Hinterreifens ist der alles entscheidende Limitfaktor, ob man im Sattel bleibt. In diesem Punkt ist das Levo 6Fattie unschlagbar. In Sachen Reifenluftdruck scheiden sich oft die Geister, da je nach Vorliebe und Gelände unterschiedliche Drücke gefahren werden. Nach vielem Hin- und Herprobieren kamen wir mit einem Luftdruck von 0,9 bar an der Front und 1,0 bar am Heck am besten zu recht. Ein brauchbarer Kompromiss, um einseits genügend Grip im Gelände zu haben, ohne aber auf schnelleren Schotterwegen, verdichtetem Untergrund oder radikalen Lenkmanövern mit walkenden Pneus ein schwammiges, undefinierbares Fahrgefühl zu bekommen. Schläuche benötigen im übrigen etwas mehr Luftdruck als schlauchlose Pendants.
Phermone
Sattes Fahrverhalten und nicht enden wollende Traktion erwecken schon fast den Eindruck, als ließe sich die Phyisik überlisten - was natürlich ein Trugschluß ist. Wie dem auch sei, von der (fehlerverzeihenden) Performance profitieren in großem Maß besonders ungeübtere Fahrer, die im ruppigen Terrain ihre fahrtechnischen Skills ohne größeres Risiko verbessern können. Verwindungsfreies Fahrwerk, sanfte Motorunterstützung und die phänomenale Mischung aus Traktion und Kraftübertragung verhelfen zu raschen Lernfortschritten und hebt Piloten nach kurzer Eingewöhnungsphase auf ein besseres Fahrtechnik-Level.
Was man dem wuchtigen Boliden auf den ersten Blick kaum zutraut: dank ausgewogener Geometrie - mit flachem Lenkwinkel, einem vergleichsweise langen Oberrohr und relativ tief verbauten Tretlager - guter Kinematik und ausbalancierter Gewichtsverteilung macht das 6Fattie auf schnellen wie verwinkelten Abfahrten eine erstaunlich leichtfüßige Figur. Durch neutrales Einlenkverhalten giert die Wuchtbrumme geradewegs nach flowigen Richtungswechseln. Es reagiert präzise jedem Steuerungsbefehl und folgt artig dem anvisierten Streckenverlauf wie auf Schienen. Dies schafft Vertrauen und spielt dem Fahrspaß in die Hände. Insofern ist die Aussage von Specialized: „Das Levo ist das leichteste 22 Kilo Bike, das du je gefahren bist“ keine übertriebene Werbebotschaft, sondern trifft den Nagel auf den Kopf. Das Handling mag auch an der komfortablen Sitzposition sowie dem 750 mm breiten Lenker liegen, das einem das Gefühl vermittelt nicht "auf" sondern nonchalant "im" Bike zu sitzen. Dank flachem Lenkwinkel bleibt das 6Fattie auch bei Highspeed ruhig und stabil. Umso erstaunlicher als dass Agilität und Spurstabilität in Zielkonkurenz zueinander stehen, d.h. wenn sich die Erreichung eines Zieles verbessert (verschlechtert) während sich gleichzeitig die Erreichung des anderen Zieles verschlechtert (verbessert). Doch die Konstrukteure haben einen Kompromiss heraus getüftelt, der in keiner Fahrsituation Schwächen zeigt.
Apropos tiefer Schwerpunkt: während der 500 km langen Testphase saßen wir nicht ein einziges Mal mit dem Tretlager oder Pedal auf. Der Grund liegt darin, dass zu Gunsten der Bodenfreiheit das Tretlager ca. 7 mm höher liegt als bei Mountainbikes ohne E-Antrieb. Zudem sind etwas kürzere Kurbelarme als üblich verbaut.

Im Wandel der Zeit
Als ambitionierter Mountainbiker mag manch kritischer Zeitgenosse gefühlt vom hohen Ross steigen, wenn zum ersten mal auf einem e-Trailbike Platz nimmt. Doch Vorbehalte verflüchtigen sich sobald der mühelose Bewegungsstakkato verdeutlicht, wie radikal sich das Turbo Levo auf verwinkelten Trailrinnen umherzirkeln lässt. Konditionsbolzen, die mit eigener Muskelkraft Gipfel bezwingen mögen akkubeschleunigte Piloten vielleicht geringschätzen. Fakt ist jedoch, dass die wundersame Technologie jenen ein dickes Plus an Lebensqualität verspricht, die nicht bis in die letzte Muskelfaser durchtrainiert sind um bergiges Gelände tricky zu rocken. Des weiteren können Leistungsunterschiede ausgeglichen werden womit gemeinsames Biken mit Freunden, Kollegen oder Lebenspartner möglich wird. Last but not least schwingt immer die "Grundsatzgleichung" mit: je mehr Höhenmeter desto mehr Tiefenmeter, wobei e-Biker bergauf wie berab doppelten Fahrspaß haben. Dank Motorunterstützung werden im Handumdrehen irrwitzige Anstiege befahrbar, d.h. die Grenzen werden verschoben.
Wer e-Bikern das Recht abspricht ihren Spaß auf Trails auszuleben, stellt sich mit uneinsichtigen Wanderern auf dieselbe Stufe, die nach einem generellen Verbot für Mountainbiker auf Wanderwegen/Pfaden schreien. Umdenken tut Not, denn e-Trailbikes werden sich vom Nischen- zum Massenprodukt entwickeln. Mit der neuen e-Generation vom Kaliber eines Levos können entlegenste Winkel auf unzulänglichen Natur-Trails problemlos befahren werden. Der demografische Wandel sowie eine breite Nutzerschicht vermögen den e-bike-Trend zu beschleunigen weshalb sie auf den Trails der Welt - ob man will oder nicht - schon bald zum Alltagsbild gehören. Abgesehen davon, dass in punkto Reichweite, Gewicht, Ladezeit, Motorcharakteristik und softwaregestützte Features noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist sind die Weichen gestellt.
Weil dem so ist erfordert steigende Nutzerfrequenz umso mehr eigenverantwortliches Verhalten in der schützenswerten Natur. Dies macht die Einhaltung der Ehrenkodex-Regeln - DIMB-Trailrules - zwingend erforderlich. Umwelt- und sozialverträgliches Mountainbiking wie z.B. gegenseitige Rücksichtnahme in Sinne des Trail-Sharings hilft, drohende Streckensperrungen zu vermeiden.
Alternative für leistungsstärkere Biker
Vorbei die Zeiten, als eBikes mit angestaubten "Altherren-Image" behaftet waren. Allen Unkenrufen in der Bikerszene zum Trotz zielt das Turbo Levo FSR Comp CE 6Fattie nicht nur auf die Generation 50plus. Das unwiderstehliche Spielgerät spricht aber nicht nur jüngeres Klientel emotional an sondern überschwemmt sogar jene Spezies mit Lustreizen, für die der e-Antrieb bislang absolutes Tabuthema war. Gretchenfrage: lohnt sich für Aspiranten, die konditionell keine Schubhilfe benötigen dennoch ein Umstieg? Oder um es mit Gerhard Polt zu halten: "Brauchts des"? Antwort: Jein. Sicher nicht als Solo-Bike, doch wer sich ein zweites Pferd im Stall leisten kann/möchte - why not? Besonders für die nasskalte "Sauren-Gurken-Zeit" bei Eis, Matsch und Schnee bietet das Einsatzgerät eine verdammt verlockende Alternative, mit dem sich das Grundlagenausdauer-Fundament pulsschonend aufbauen sowie koordinative Fähigkeiten schulen lässt. Tja, davon können die suchtinfizierten Testkandidaten ein Lied singen, denn nachhaltiges Kopfkino brachte die Gehirnwindungen zum Glühen. Eiszeit muss ja nicht gleichbedeutend Auszeit heißen. Schon gar nicht mit dem 6Fattie.
Kurios: bekanntermaßen schwappen Neuerungen aus den USA oft Jahre später erst nach Europa, wie z.B. Twenty-Niner. Was den e-Mountainbike-Markt anbelangt verhält sich die Nachfrage derzeit umgekehrt. E-biken ist in den USA nicht hipp, während hierzulande der Absatz auf Hochtouren läuft.

Ausstattungsdetails
- Federgabel FOX Float 32 Performance 100 mm
- Motor / Akku Brose, Custom Tuned / 460 Wh
- Bremsen SRAM DB5
- Schaltung SRAM GX, 10-Fach
- Sattelstütze TRANZX Dropper
- Vorbau Specialized Alu
- Lenker Specialized Alu
- Reifen Specialized 6FATTIE Purgatory / Ground Control
- Laufräder Roval 650b
Modellvarianten
- Turbo Levo FSR CE 6Fattie € 3 999.00 (Motor 460 Wh)
- Turbo Levo FSR COMP CE 6Fattie € 4 999.00 (Motor 460 Wh)
- Women's Turbo Levo FSR Comp 6Fattie € 4 999.00 (Motor 460 Wh)
- Turbo Levo FSR EXPERT CE 6Fattie € 6 499.00 (Motor 504 Wh)
- S-Works-Turbo-Levo FSR CE 6Fattie € 8 999.00 (Motor 504 Wh)
Neben den Fully-Trailbikes werden zudem Levo Hardtail-Modelle mit Fatbike- oder 29″-Bereifung angeboten.
Spaßgerät in allen Lebenslagen

Das Specialized Turbo Levo FSR Comp CE 6Fattie ist wie sein 29 er-Pendant ein ultimatives e-Trailbike mit dem Unterschied, dass es mit seinen abfahrtsorierten Genen noch eins drauf setzt. Der vielseitige Allrounder mit der RockShox Yari Federgabel (140 mm) gepaart mit 27.5 Zoll Laufrädern liegt im Gattungsbereich zwischen Allmountain-Plus und Enduro. Der verwindungssteife Rahmen mit Boost-Standard ergibt ein erhabenes Fahrgefühl, was das Selbstvertrauen in heiklen Schlüsselpassagen stärkt. Am meisten profitieren davon fahrtechnisch weniger versierte Fahrer. Die bombastische Kletterfähigkeit mit der sich der wulstige <Ground Control> im Steilgelände in den Boden verbeißt sprengt bisher gewohnte Grenzen. Und Vorderradlupfen kommt so gut wie gar nicht vor. Der Ober sticht den Unter, d.h. je ruppiger oder glitschiger der Untergrund desto souveräner der Auftritt. Verblockte bzw. hindernisbestückte Anstiege verlieren dadurch nicht nur ihren Schrecken, nein sie bereiten sogar tierisch Spaß.
Während man sich bei konventionellen Bikes ohne e-Unterstützung über Gewicht, Rollwiderstand, Beschleunigungsvermögen, Klettereigenschaften etc. einen Kopf für einen optimalen Kompromiss macht, fallen derlei Aspekte beim Turbo Levo unter den Tisch. Grammgeizen braucht es nicht, denn der Flüsterantrieb bügelt alles kraftvoll weg. Die integrative Silhouette gefiel auch der Jury des Eurobike Awards, die das Specialized Turbo Levo FSR 6Fattie zum Sieger der Kategorie E-MTB kürten.

Fazit
Der extrem breite Einsatzbereich macht das vielseitige Turbo Levo FSR Comp CE 6Fattie zu einem perfekten und zuverlässigen Begleiter mit dem sowohl lässige Hometrails und ausgedehnte Touren Spaß bereiten, als auch diffiziele Rides im ausgesetzten Gelände kontrolliert fahrbar bleiben. Nach unermüdlichem Testeinsatz kann man dem Kerngedanken von Specialized - kein E-Bike, sondern ein Mountainbike mit E-Unterstützung bauen zu wollen - unumwunden beipflichten. Mit viel Liebe zum Detail ist das prima gelungen: you did a great job. Über gewichtmäßiges Einsparpotential brauchten sich "Levo-Piloten" grundsätzlich am allerwenigsten Gedanken machen, denn der Brose-Motor schiebt - je nach Konfiguration - gewaltig an. Wer gerne Trail-Rosinen rockt und bergauf "energiegeladen" Flowgefühle herbeisehnt wird mit dem Turbo Levo FSR Comp CE 6Fattie mehr als glücklich – versprochen!
Das Testbike wurde dankenswerter Weise von
zu Verfügung gestellt.
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